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26.10.2018
Rede von Sebastian Kohlhoff
Tag der Deutschen Einheit 2018
 Sehr geehrte Damen und Herren,

 der 3. Oktober ist nicht nur der deutsche Nationalfeiertag, sondern er markiert auch den Beginn eines neuen Kapitels im „Geschichtsbuch Deutschland“. Das Kapitel heißt: Ganz Deutschland in Einigkeit und Recht und Freiheit. Es umfasst mittlerweile bald 30 Jahre und wir schauen in diesen Tagen mit Spannung und vielleicht auch ein wenig bange darauf, was wohl auf den kommenden Seiten stehen wird.

der Festrednder Sebastian Kohlhoff mit unserem Landtagsabgeordneten Karl Ludwig von Danwitz
Schneverdingen -  Ich möchte heute mit Ihnen aber weder auf dieses Kapitel schauen, noch über die kommenden Seiten spekulieren. Gedanken dazu können Sie jeder Tageszeitung und jedem Magazin entnehmen. Ich möchte heute daran erinnern, dass der 3. Oktober 1990 nicht nur der Beginn eines Kapitels im Geschichtsbuch war, sondern auch das endgültige Ende eines ganz anderen Kapitels. Die Überschrift dort lautet: Die zweite deutsche Diktatur im 20. Jahrhundert.
 
Die Zukunft ist ungewiss und die Zeitgeschichte immer auch von aktuellen politischen Debatten geprägt. Aber aus der etwas ferneren Geschichte kann man lernen, wenn man will. Und aus der Geschichte der DDR könnte man einiges lernen. Obwohl sie erst seit 28 Jahren Vergangenheit ist, ist das Bild der DDR mittlerweile seltsam verschwommen und die Aufarbeitung erreicht nicht annähernd das Niveau wie beim Dritten Reich. Vielleicht liegt das daran, dass die sozialistische Diktatur weniger monströs, weniger unfassbar daherkommt als die nationalsozialistische.
 
Gerade deshalb ist der mögliche Lerneffekt aber nicht geringer. Aus dem Hitlerregime den Schluss zu ziehen „Nie wieder“ – das liegt auf der Hand. Der Wahnsinn der Massenmorde, des geplanten Tötens; die Führung eines hemmungslosen Krieges und schließlich die Zerstörung weiter Teile der deutschen Gesellschaft und unserer Dörfer und Städte – nur die ganz Verrückten können da zu einem anderen Schluss kommen, als das zu verdammen.
 
Die Verbrechen der DDR sind weniger plakativ, aber sie sind trotzdem mannigfaltig. Und gerade weil sie weniger unfassbar sind, halte ich die Gefahr ihrer Wiederholung in Europa oder anderswo für viel größer. Kaum jemand wird glauben, dass sich ein Drittes Reich in Europa in absehbarer Zeit in seiner ganzen Scheußlichkeit wiederholen wird. Aber eine Diktatur a la Ulbricht und Honecker – das ist nicht so fern. In der Türkei, in Ungarn oder Polen sind Tendenzen dazu in unterschiedlicher Ausprägung bereits zu erkennen.
 
Ich halte es dabei für im Wesentlichen unerheblich, ob solche Entwicklungen von „rechts“ oder von „links“, als religiöser Fanatismus oder schlicht als technokratische Oligarchie daherkommen. Fakt ist, das solche Regime das Gegenteil von Einigkeit und Recht und Freiheit sind. Der 3. Oktober ist deshalb auch der Tag, auf die Vergangenheit zu schauen, um eine solche Zukunft zu verhindern. Ich möchte das nicht abstrakt tun, sondern ganz konkret, am Beispiel meiner Familie. Unrecht und Unfreiheit werden erst dann wirklich fassbar, wenn man auf das Persönliche blickt.
 
Mein Vater wurde Ende 1943 während eines Luftangriffs im Bunker in Berlin Prenzlauer Berg geboren. Heute ein In-Bezirk der Stadt, damals ein etwas heruntergekommenes Arbeiterviertel, dessen Zustand sich durch die Bombenangriffe nicht gerade verbesserte. Nach dem Krieg und der sowjetischen Besatzung sollte es sich allerdings als großes Problem erweisen, dass die Familie meines Vaters zwar in einem Arbeiterviertel wohnte, aber im Sinne des Sozialismus keine Arbeiterfamilie war.
 
Mein Großvater war nämlich Berufssoldat und zwar schon seit 1929 in der Reichswehr der Weimarer Republik. Seit 1942 war er dann Offizier bei den Fallschirmjägern und hat dabei vom Afrikafeldzug, über Monte Cassino bis zur Normandie alles mehr oder weniger unbeschadet mitgemacht. Kurz vor Ende des Krieges verließ ihn dann aber das Glück und er wurde während der sinnlosen Ardennenoffensive bei einem Kommandounternehmen in amerikanischer Uniform von amerikanischen Truppen erschossen.
 
Meine Großmutter bekam dann an Heiligabend 1944 Besuch von zwei Luftwaffenoffizieren, die ihr mitteilten, dass ihr Mann gefallen sei. Es hat bis 1975 gedauert, bis meine Familie – unter großer Mithilfe der amerikanischen Militäradministration – die Gebeine meines Großvaters verscharrt unter einen Baum am Rand eines Dorfes im Bereich Malmedy gefunden hat. Der Volksbund Kriegsgräberfürsorge hat ihn danach auf einen Soldatenfriedhof umgebettet.
 
Nach dem Krieg bedeutete Leben und Sterben meines Großvaters für meine Familie, dass meine Großmutter ihre zwei Söhne alleine großziehen musste. Sie hat dafür als Disponentin in einer Brotfabrik gearbeitet, die heute als „Die Brotfabrik“ eine In-Location im neuen Berlin ist. Es bedeutete aber auch, dass meine Familie von Anfang an auf der „schwarzen Liste“ der neuen Machthaber stand. Und das nur, weil sie eine „Offiziersfamilie“ waren und keine „Arbeiterfamilie“. Eine besondere Nähe zum Nationalsozialismus, die eine Verfolgung hätte begründen können, hatte meine Familie nicht und das wurde ihr auch nie vorgeworfen.
 
Für meinen Vater und seinen etwas älteren Bruder bedeutete das, dass sie im kriegszerstörten Berlin trotz guter Leistungen nach der 8. Klasse von der Schule geworfen wurden, weil sie keine Arbeiterkinder waren, nicht bei den Pionieren und auch noch konfirmiert wurden, statt eine Jugendweihe zu absolvieren. Mein Vater hat daraufhin Schmied und Schweißer gelernt und in einer Feldeisenbahnfabrik gearbeitet.
 
Den Mauerbau hat mein Vater zunächst im Westen der geteilten Stadt erlebt, weil er im benachbarten Wedding abends bei der Geburtsfeier eines Freundes war, als die Sperrmaßnahmen begannen. Er war damals 17 Jahre alt und hatte sofort den Impuls, auf der Westseite zu bleiben. Er hat sich dann aber doch noch in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 entschieden, nach Hause zur Familie in Prenzlauer Berg zurückzukehren.
 
 
Natürlich hat damals zunächst niemand geglaubt, dass die Sperrmaßnahmen 28 Jahre andauern würden. Mein Vater und sein Bruder waren sich aber schon nach einigen Monaten sicher, dass sie das nicht mehr länger ertragen würden und fassten Fluchtgedanken. Das unübersichtliche Gelände rund um den Invalidenfriedhof, wo heute das Bundeswirtschaftsministerium ist, kannten sie sehr gut und überlegten, es dort zu versuchen. Was sie damals nicht wussten ist, dass mit Günter Litfin genau an diesem Abschnitt der Grenze am 24. August 1961 der erste Mensch von Grenztruppen der DDR nach dem Mauerbau erschossen wurde. Gut, dass sie es dann doch nicht versucht haben!
 
Mein Vater, wollte gerne Arzt werden, war davon mit seinem Volksschulabschluss aber weit entfernt war. Irgendwie galt er nach seinen Jahren als Schmied jetzt aber als Arbeiterklasse und es gelang ihm schließlich, sich an einer Fortbildungseinrichtung in Halle einzuschreiben und dort das Abitur nachzumachen. Er bekam dafür sogar eine Art Stipendium, von dem ihm jedoch monatlich Beiträge zur FDJ abgezogen wurden, in der er allerdings gar nicht Mitglied war. Ein aktiver Oppositioneller war mein Vater nicht, aber jemand, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt und seine Klappe nicht halten konnte. So hat er es sich nicht nehmen lassen, am Tag nach der Abiturverleihungen zum zuständigen FDJ-Büro zu gehen und mitzuteilen, dass sie ihm zwar monatlich FDJ-Beiträge abgezogen hätte, dass er aber festhalten wolle, dass er „in ihrem Scheiß-Verein“ selbstverständlich niemals Mitglied gewesen ist.
Trotz solcher sich wiederholender kleiner Zwischenfälle gelang es meinem Vater, einen Medizinstudienplatz an der Universität Greifswald zu erhalten, die damals als die relativ am Wenigsten systemkonforme medizinische Fakultät der DDR galt. Das Studium verlief halbwegs ereignisarm, mein Vater fiel allerdings insbesondere durch seine schlechten Russischkenntnisse und die Weigerung auf, sich mit dieser Sprache zu befassen. Das hätte fast seinen Uniabschluss verhindert, aber er schaffte es doch wieder, irgendwie durchzukommen. 
 
 
Negativ vermerkt wurde auch, dass er als einer der ganz wenigen Studenten in einer privaten Wohnung statt im Studentenheim wohnte und dort eine der höchsten Antennen der der Stadt aufgebaut hatte, um Westfernsehen zu empfangen.
 
Während des Studiums lernte er auch meine Mutter kennen, die vom Land aus der Uckermark stammte, zuvor politisch unverdächtig war und aus einer eher angepassten Familie kam. Dass mein Vater und der gesamte Studienjahrgang intensiv von Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit überwacht wurde, hat die dort nicht kleine Zahl der eher weniger systemtreuen Studenten immer vermutet, konnte aber erst nach der Wende und dem Einblick in die Stasiunterlagen bewiesen werden. Offensiv ist die Stasi gegen die Studenten damals nicht vorgegangen, da sie immer noch eine gewisse Grenze einhielten, um nicht in den direkten Konflikt mit der Staatsmacht zu geraten.
 
Nach dem Studium zogen meine Eltern nach Berlin und heirateten dort – natürlich kirchlich, was in der Hauptstadt der DDR eher unerwünscht war. Mein Vater erhielt zurück in Berlin allerdings auch vom einem Altkommunisten aus der Nachbarschaft in Prenzlauer Berg, der mittlerweile vom real-existierenden Sozialismus ernüchtert war, den Tipp, dass die örtliche Parteiführung plane, ihn zur  Infanterie der NVA einziehen zu lassen, damit er dort „fertiggemacht“ werden könne. Der Tippgeber empfahl ihm, sich umgehend freiwillig als Arzt zur NVA zu melden – das würden die kaum ablehnen können, wegen eines grassierenden Ärztemangels bei der Armee. 
 
Mein Vater folgte diesem Rat und so passierte das Unwahrscheinliche: er wurde Offizier in der Armee des Regimes, das er rundheraus ablehnte. Seinen auf zwei Jahre geplanten „freiwilligen“ Dienst leistete er dann auch noch zu allem Überfluss bei der Marine in einem geheimschutzkritischen sehr modernen Raketenschnellbootbrigade auf Rügen. Gegen die Anrede als „Genosse Kohlhoff“ wehrte er sich immer mal wieder und vor allem verweigerte er jegliche Ausbildung an Waffen, mit dem Hinweis darauf, dass er Arzt sei. Auch sonst machte er aus seiner Ablehnung des Systems kein großes Geheimnis. 
Trotz dieser obstruktiven Haltung war er als Arzt im Marinestützpunkt jedoch bald akzeptiert – der Ärztemangel machte es möglich.
 
Bald wendete sich das Blatt jedoch vollkommen und mein Vater, der den Konflikt mit dem System vorher immer versucht hatte, nicht auf die Spitze zu treiben, geriet in die direkte Auseinandersetzung. Mittlerweile war das Jahr 1973 und die DDR hatte das Grenzregime so perfektioniert, dass an Flucht kaum mehr zu denken war. Es gab jedoch eine Fluchthilfeorganisation, die für großes Geld Republikflüchtlinge im Kofferraum von Diplomatenautos über den Checkpoint Charlie in Berlin schmuggelte. Allerdings in erster Linie Akademiker, da man dort erwartete, dass diese die Fluchtschulden – pro Person 35.000 DM in bar – nach erfolgter Flucht im Westen möglichst bald erarbeiten könnten und zurückzahlten würden.
 
Mein Onkel hatte zu diesen Kreisen Kontakt hergestellt und seine Flucht mit Frau und Kind vorbereitet. Er hatte mit meinem Vater alles genauestens abgesprochen und mit ihm vereinbart, dass mein Vater ein Signal geben solle, wenn nach der Flucht seines Bruders sich die Aufregung gelegt hätte. Dann wollte er meinen Vater und meine Mutter nachholen. Am Tag nach der Flucht seines Bruders wurde mein Vater in Gewahrsam genommen und von der militärischen Abwehr verhört.
 
Es folgte das Übliche: Dauerverhöre, Schlafentzug und Anderes. Eine noch schlechtere Behandlung blieb meinem Vater wahrscheinlich nur deshalb erspart, weil er immer noch Armeeangehöriger und Offizier war und man ihm kein Fehlverhalten nachweisen konnte. Ziel der Verhöre war zweierlei: mein Vater sollte eingestehen, dass er von den Fluchtplänen seines Bruders gewusst hatte, um ihn dafür bestrafen zu können. Und die Stasi wollte von meinem Vater Informationen über die Fluchthilfeorganisation bekommen, hinter der sie schon seit einiger Zeit her war.
 
 
Da mein Vater aber jegliches Wissen abstritt, gab man nach einer Woche fürs erste auf: mein Vater wurde aus der Armee entlassen, musste zurück nach Berlin gehen und sich dort regelmäßig bei einem Verbindungsoffizier der Stasi melden, der ihn weiterbearbeitete, Informationen Preis zu geben. In diesen Gesprächen geschah auch Kurioses: Zum Beispiel musste mein Vater unterschreiben, dass er zur Kenntnis genommen habe, dass er zehn Jahre Haft erhalten würde, wenn er versuchen würde zu fliehen. Wenn er versuchen sollte, meine Mutter mitzunehmen, würde er „noch ein paar Jahre obendrauf“ bekommen. Der mögliche Täter muss vor der Tat unterschreiben, dass er das Urteil bereits zur Kenntnis genommen habe…
 
Darüber hinaus wurden meine Eltern unter Totalüberwachung gestellt. Ihre Wohnung wurde regelmäßig in ihrer Abwesenheit durchsucht, was mein Vater dadurch festgestellt hatte, dass er ein Haar meiner Mutter zwischen Türblatt und Türschwelle klebte, das immer wieder durchgerissen war, wenn sie die Wohnung verlassen hatten. Auf der Straße wurden sie von Taxis der Staatssicherheit verfolgt und ihre Gespräche wurden regelmäßig mit Richtmikrofonen abgehört. Die Stasi war auch nicht unbedingt um Heimlichkeit bemüht, sondern nutzte die Überwachung auch zur Einschüchterung. So wurde meinem Vater ein Gespräch mit meiner Mutter vorgespielt, das sie auf dem Mittelstreifen einer belebten Kopfsteinpflasterallee geführt hatten, während um sie herum LKW donnerten. Auf der Aufnahme waren die Stimmen meiner Eltern glasklar zu verstehen, ohne Nebengeräusche.
 
Meine Eltern haben daraufhin monatelang kein Wort mehr über kritische Dinge miteinander gesprochen und sich dazu durch kleine Notizzettel verständigt, die sie dann kleingerissen und in der Toilette heruntergespült haben. Nach über einem Jahr wurde dieses Katz und Maus Spiel dann allerdings auch der Staatssicherheit zu viel. Sie stellten meinem Vater eine Falle: Er hatte mittlerweile wieder eine Anstellung als Arzt gefunden mit einem ziemlich langen Arbeitsweg. Er nimmt bis heute Anhalter mit dem Auto mit, was der Stasi natürlich bekannt war. 
 
Eines Tages, auf dem Rückweg von der Arbeit, verwickelte ein Anhalter meinen Vater im Auto in ein Gespräch und erzählte ihm unvermittelt, wie schlecht die DDR sei und dass er einen Fluchtweg wüsste. Mein Vater ging auf diese plumpe Falle nicht ein, meldete sich aber zum ersten Mal von sich aus bei der Stasi und machte „Meldung“ über diesen Vorfall. Noch am gleichen Tag endete die Überwachung meiner Eltern.
 
Nachdem die Überwachung vorbei war, gab mein Vater seinem Bruder das vereinbarte Signal, der die Vorbereitungen für die Flucht meiner Eltern einleitete. Wie wir heute wissen, hatte die Staatssicherheit bis zu diesem Zeitpunkt über meinen Vater eine umfangreiche Stasi-Akte angelegt. Den Inhalt kennen wir leider nicht, weil außer der Inventarkarte alle Unterlagen über meinen Vater bis zur Flucht zu den geschredderten Akten gehören. Einiges lies sich aber aus Stasiakten von Freunden, Verwandten und Bekannten rekonstruieren, die nicht zerstört wurden.
 
Die Flucht selber gestaltete sich natürlich auch nicht einfach. Um nicht aufzufallen, konnten meine Eltern keinerlei Fluchtvorbereitungen treffen. Als einzige Maßnahme hatten sie sich Brustbeutel besorgt, in denen sie ihre wichtigsten Dokumente nun immer bei sich trugen. Nachdem zwei Einstiege in den Kofferraum von Diplomatenfahrzeugen wegen Störungen gescheitert waren, lagen sie beim dritten Anlauf im Kofferraum einer Limousine. Diese Schmugglerdienste ließen sich die Diplomaten selbstverständlich von den Fluchthelfern gut bezahlen. Meistens handelte es sich um Diplomaten von „Sozialistischen Bruderstaaten“ aus Afrika, wie Angola oder Mosambik.
 
Der Ablauf war in Prinzip einfach. Am Treffpunkt erschien die Botschaftergattin mit ihren beiden Kindern in der Limousine, parkte diese und verlies mit den Kindern das Fahrzeug – der Kofferraum war nicht abgeschlossen. Meine Eltern öffneten den Kofferraum, legten sich hinein und schlossen die Klappe von innen. 
 
 
Nach einiger Zeit kam die Botschaftergattin mit den Kindern zurück, überzeugte sich durch einen kurzen Blick in den Kofferraum, dass ihre „Gäste“ eingestiegen waren und machte sich auf den direkten Weg zum Checkpoint Charlie. Da Diplomatenautos nur bei begründetem Verdacht durchsucht werden dürfen, war es wichtig, dass meine Eltern sich völlig ruhig verhielten. Nicht ganz einfach, denn meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt mit mir schwanger und litt unter Schwangerschaftsübelkeit…
 
Es ging aber gut, einige andere Fluchten im Kofferraum sind am Checkpoint Charlie auch gescheitert und mein Vater hätte dann seine bereits garantierte und zur Kenntnis genommene Haftstrafe absitzen dürfen. Dann sicherlich mit etwas weniger „schonender“ Behandlung als bei der NVA. Freunde meiner Eltern haben in Stasi-Gefängnissen wie Hohenschönhausen und Bautzen durchaus auch Zähne und mehr verloren. Ich gehe davon aus, dass mein Leben nach einigen Jahren im DDR-Kinderheim und ohne Eltern auch durchaus anders verlaufen wäre.
 
Der gesamte Besitz meiner Eltern bestand nach der Flucht aus der Kleidung, die sie trugen und dem Brustbeutel um ihren Hals. Sogar ihre Eheringe hatten sie in der Aufregung des drittens Einstiegsversuchs zu Hause vergessen. Sie sind bis heute, genau wie ihr gesamter weiterer Besitz aus der DDR, verschollen. Im Notaufnahmelager wurden sie mit dem Nötigsten ausgestattet. Mein Vater erhielt auch ein längeres Gespräch mit dem Verfassungsschutz, der ihm dringend riet, Westberlin zu verlassen, da er dort vor der Verfolgung der Stasi nicht sicher sei. Sein Bruder war diesem Rat gefolgt und bald nach der Flucht nach München gezogen, mein Vater weigerte sich aber rundheraus, seine Heimatstadt zu verlassen. Unserer Familie bescherte das Jahre ohne Klingelschild an der Tür, ohne Eintrag im Telefonbuch und weitere Vorsichtsmaßnahmen. Zunächst aber musste mein Vater sich mit einem ganz anderen Problem auseinandersetzen: die westlichen Geheimdienste interessierten sich für ihn und sein Wissen über das Raketenschnellboote der NVA.
 
Die CIA befragte meinen Vater mehrere Wochen. Unter durchaus angenehmeren Umständen als das die Stasi es getan hatte. Mein Vater allerdings wies immer wieder darauf hin, dass er keinerlei Besitz habe, 70.000 DM Fluchtschulden und dass er keine Zeit hätte, weil er arbeiten und Geld verdienen müsse. Die Amerikaner, die etwa zur gleichen Zeit meinem Onkel sehr dabei geholfen haben, die Gebeine meines Großvaters zu finden, haben in diesem Punkt aber nicht mit sich reden lassen. Als die CIA mit ihren Befragungen fertig war, wurde mein Vater an die Briten „weitergereicht“. Hier dauerte die Befragung noch einmal einige Tage.
Schließlich kamen die Franzosen dran. Und vielleicht gehört auch diese Anekdote zu einem Tag wie dem 3. Oktober. Der französische Geheimdienstmitarbeiter begrüßte meinen Vater freundlich und erklärte ihm, dass er nicht glaube, dass mein Vater irgendetwas über die Raketenschnellboote wisse, was Frankreich nicht wüsste. Und wenn er mehr wüsste, dann hätte er es sicherlich den Alliierten erzählt und dann würde Frankreich das auch erfahren. Es bestünde aber die Erwartung, dass sie sich einen Tag zusammensetzen und miteinander reden würden. Der Geheimdienstler hatte für dieses Gespräch eine Flasche guten Cognac parat, aus der er fleißig einschenkte. Ob das eine Verhörtaktik des Franzosen war, oder einfach nur ein Besäufnis, wer weiß das schon. Mein Vater jedenfalls fühlte sich nach diesem Tag in Recht und Freiheit angekommen und war von den Franzosen sehr angetan.
 
Der Verfassungsschutz allerdings hatte mit seiner Warnung nicht ganz Unrecht gehabt. Etwa ein halbes Jahr später sah mein Vater im Auto neben sich an der Ampel auf dem Beifahrersitz den Stasioffizier sitzen, der ihn über ein Jahr lang in die Mangel genommen hatte – mitten in Westberlin! Der Offizier erkannte meinen Vater auch und wies seine Fahrerin umgehend an, über die rote Ampel zu flüchten. Mein Vater hat den Stasiwagen aber nicht einholen können, ohne sich und seinen kleinen Sohn auf der Rückbank zu gefährden. 
 
 
Er sagt bis heute, dass er den Stasimann sicherlich im Affekt „totgeschlagen“ hätte, wenn er ihn erwischt hätte. Der Verfassungsschutz übrigens nahm den Hinweis meines Vaters auf den Stasioffizier in Westberlin ohne große Überraschung zur Kenntnis und ging der Sache nicht nach.
 
Für die eher linientreue Familie meiner Mutter, die in der Uckermark zurückgeblieben war, hatte die Flucht meiner Eltern übrigens auch einschneidende Folgen. Mein Onkel mütterlicherseits war studierter Kriminalpolizist in einer brandenburgischen Mittelstadt. Nach der Flucht meiner Eltern verlangte die Stasi von ihm eine Unterschrift, dass er nie wieder Kontakt mit meinen Eltern pflegen würde. Er verweigerte die Unterschrift mit der Begründung, dass er die politische Einstellung meines Vaters zwar missbillige und die Flucht nicht verstehen könne, dass er meinen Vater aber persönlich als feinen Kerl kennengelernt habe und nicht zusagen könne, niemals wieder mit ihm zur kommunizieren. In der Folge dieser Haltung wurde meinem Onkel empfohlen, zur Kreisstraßenbaumeisterei zu wechseln und die DDR hatte einen halbwegs loyalen Anhänger weniger.
 
An einen Besuch meiner Eltern in der DDR war natürlich nicht zu denken. Auch nach den letzten deutsch-deutschen Abkommen in den achtziger Jahren, als meine Eltern sich trauten, Besuchsanträge zu stellen, wurden diese immer abgelehnt. Erst kurz vor dem Ende der DDR konnten sie ihre zurückgelassenen Verwandten erstmals wieder besuchen. Kontakt haben sie jedoch immer über Brief und Telefon gehalten. Die Stasiakten aus der Zeit nach der Flucht meiner Eltern sind erhalten geblieben, so dass man jetzt sehen kann, dass jeder Brief und jedes Telefonat sorgsam analysiert wurde. Eines hat die Stasi allerdings nicht mitbekommen: Anfang der Achtziger haben wir uns heimlich mit meiner Großmutter in Karlsbad in der Tschechoslowakei getroffen – wir als Westtouristen und sie als kurende DDR-Bürgerin waren eben „zufällig“ zur gleichen Zeit dort.
Für mich als Kind war das ein wichtiger Schritt. 
 
Einige Zeit später durfte ich zum ersten Mal in die DDR einreisen. Alleine, nur in Begleitung einer westdeutschen Freundin meiner Eltern, die gleich wieder über den Grenzübergang zurückkehrte. Ich werde nie vergessen, wie auf der anderen Seite des Grenzübergangs meine Großmutter, mein Onkel, meine Tante und meine Cousinen auf mich warteten. Menschen, die ich bis auf meine Großmutter noch nie zuvor gesehen hatte. Sie standen in der Invalidenstraße, dort wo heute das Bundesverkehrsministerium ist. Ich habe nach der Jahrtausendwende einige Jahre dort gewohnt, mit Blick auf genau diesen Straßenabschnitt.
 
Ich bin danach jeden Sommer für drei Wochen zu meinen Verwandten gefahren. Es waren schöne Ferien, aber teilweise auch sehr prägende Erlebnisse in der zweiten deutschen Diktatur. Sie würden reichen, um eine ganz eigene Geschichte zu erzählen – aber nicht heute. Ich werde auch nichts über den Mauerfall erzählen, der für mich einfach zu emotionsgeladen ist, um dazu eine Rede zu halten. Für mich persönlich wäre der 9. November der bessere Feiertag gewesen, aber für das ganze Deutschland in Einigkeit und Recht und Freiheit ist es natürlich der 3. Oktober.
 
Am 3. Oktober 1990 bin ich mit meiner Deutschlandfahne am Reichstag gewesen und habe die Reden von Helmut Kohl und anderen gehört. Der Tag der deutschen Einheit ist deshalb auch zu seiner 28. Wiederkehr für mich ein wichtiger Tag. In bin deshalb gerne wieder einmal in die Heide gekommen, um darüber zu Ihnen zu sprechen. Die Geschichte meiner Familie, ihre Erlebnisse in und mit der DDR und ihren Staatsorganen, musste ich natürlich raffen, es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Sie werden auch gemerkt haben, dass ich versucht habe, die Dinge einfach so zu erzählen, wie sie waren – und die Einordnung Ihnen zu überlassen. 
 
Ich weiß nicht, ob nicht vielleicht bald ein neues Kapitel im Geschichtsbuch Deutschland aufgeschlagen wird, aber ich glaube, dass wir aus den vergangenen Kapiteln etwas lernen können. Für mich heißt die Erkenntnis auch aus der DDR „Nie wieder!“ Und dafür setze ich mich ein – vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Sebastian Kohlhoff
 

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